Diskussion zum Roman «Die Ausweichschule» von Kaleb Erdmann

Cover: Die Ausweichschule von Kaleb Erdmann

Ein halbes Jahr vor dem Abitur wird Robert S. wegen Fälschung eines Krankheitsattests von der Schule verwiesen; im Frühling 2002, als seine ehemaligen Klassenkamerad:innen im obersten Stock gerade ihre Abitur-Arbeit schreiben, kehrt er schwer bewaffnet zurück, um sich an den Lehrkräften zu rächen. Es sollte der allerersten Amoklauf an einer europäischen Schule sein: 17 Menschen kommen damals im Gymnasium Erfurt ums Leben. Kaleb Erdmann, ein Augenzeuge, macht in seinem hochgelobten Roman «Die Ausweichschule» jenes Ereignis zum Thema. Und schaffte es mit dem Titel auch auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis. In den Lesezirkeln war das Echo kontrovers, aber einig war man sich in der Beurteilung, dass der Autor jeglichen Voyeurismus vermieden hatte.

«Darf man aus einer Katastrophe Kunst machen?»: Diese Frage treibt den Autor und Ich-Erzähler im Roman um; denn Kaleb Erdmann selber sass 2002 zufällig – als 11-Jähriger – in der Schulbank, als der Amokläufer Robert S. ins Klassenzimmer stürmte; da die Lehrerin den Raum bereits verlassen hatte, eröffnete der Täter nicht das Feuer, sondern rannte wieder in den Gang.

Ein Theaterstück über den Amoklauf

20 Jahre sind seit dieser traumatischen Erfahrung vergangen, als ein Dramatiker Kaleb Erdmann für ein Interview kontaktiert mit der Nachricht, er wolle in Bamberg ein Theaterstück auf die Bühne bringen zum Erfurter Amoklauf; und er suche einen Augenzeugen von damals.
Der Ich-Erzähler willigt ein, schildert in drei langen Telefongesprächen, was er über die Hintergründe der Tat und des Täters wisse; holt Erinnerungen hoch an jenen fatalen Morgen und beschreibt die Zeit danach: Zum Beispiel die regelmässigen Treffen aller Schüler:innen mit der Psychologin oder den Umzug von 700 Kindern und Jugendlichen in eine «Ausweichschule», weil das Gutenberg-Gymnasium – nach dem Massaker – dann vier Jahre lang saniert wurde.

Akribische Recherchen

Diese erneute Auseinandersetzung mit dem Amoklauf in Erfurt mag mit ein Auslöser gewesen sein, warum Kaleb Erdmann sich dazu entschied, aus grosser zeitlicher Distanz dieses traumatische Erlebnis auch selber literarisch zu verarbeiten. Akribisch durchforstet er in diesem autofiktionalen Roman sein Gedächtnis, hinterfragt immer wieder seine Erinnerungen, ob sie verlässlich sind , (oder ob der 11-jährige Kaleb sich vom riesigen Medienecho oder von Aussagen von Mitschülern vielleicht auch habe manipulieren lassen), studiert eingehend den sogenannten «Gasser-Bericht», ein zentrales Dokument zur Aufarbeitung der Tragödie, das auch die Versäumnisse der Behörden unter die Lupe nahm; stattet dem Schulgelände in Erfurt nochmals einen Besuch ab und trifft sich mit einem ehemaligen Klassenkameraden.

Ein verkanntes Traumata

Genau diese gewissenhafte Spurensuche – in seinem Kopf aber auch in Büchern, Gesprächen und Recherchen vor Ort – macht für mich die grosse Qualität dieses Romans aus; von Anfang an bewegen wir uns auf mindestens zwei Ebenen: Einerseits nähern wir uns Seite um Seite dem dramatischen Ereignis und werden mit den vielfachen Folgen konfrontiert; andererseits erhalten wir Einblick, wie Kaleb Erdmann mit seinem Stoff ringt, mehrfach Ideen verwirft, von Zweifeln heimgesucht wird und doch nicht klein beigeben will. Und das Faszinierende beim Lesen: Wir lernen auch den Ich-Erzähler immer besser kennen, weil er sehr offen über seine Ticks und Laster berichtet. Und allmählich wird uns klar, dass der Autor selber – wohl mehr als ihm bewusst ist – ein Traumatisierter ist; denn auch wenn er – wie er mehrfach betont – am Schreckenstag selber ja gar nicht mit Erschossenen konfrontiert worden war, hat ihn das Ereignis nachhaltig geprägt.

Treffen mit einem Klassenkameraden

Bezeichnend dafür ist auch das Treffen mit dem ehemaligen Mitschüler Andreas, der völlig gelassen zurückschaut und kaum versteht, warum sich sein Schulfreund nach so vielen Jahren überhaupt noch für den Amoklauf interessiert.
Und wir erkennen beim Lesen anschaulich, dass sich schreckliche Ereignisse ganz unterschiedlich in Seelen festkrallen und Betroffene wohl oft selber nicht realisieren, dass ihre Schlafstörungen, Depressionen, Zwänge oder generell die Verlorenheit im Alltag typische Symptome einer Traumatisierung darstellen.

Raffinierte Erzählstruktur

In den Lesezirkeln wurde vor allem die raffinierte Erzählstruktur von Kaleb Erdmann gelobt: In kurzen Kapiteln umkreist er das Ereignis, die Folgen, die Recherchen, springt zeitlich kühn nach vorne und nach hinten, und schafft es trotzdem, dass wir nie den Faden verlieren. Im Gegenteil: Aus all den skizzierten Momenten, Beobachtungen und Gefühlen, vervollständigt sich das Mosaik-Bild langsam zu einem Ganzen: Wir begreifen, was damals geschah und welche Herausforderung die Verarbeitung jenes Massakers sowohl für die Betroffenen als auch für die Schul-und Stadtbehörden bedeutete. Und wir können dem Autor bestätigen: Es ist ihm gelungen, ohne jeglichen Voyeurismus den ersten Amoklauf in einer europäischen Schule literarisch zum Thema zu machen. Somit wäre auch die Grundsatzfrage geklärt: «Darf man eine Katastrophe in Kunst verwandeln?». Ja, lieber Kaleb Erdmann, wenn man es so macht, wie in «Die Ausweichschule», dann darf man nicht nur, dann muss man sogar!

Luzia Stettler

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