Lake Louise

Ehrlich gesagt, kam ich nicht nur wegen des Skifahrens nach Lake Louise. Ich hatte schon oft vom Hotel Fairmont Château Lake Louise gehört und es auch mehrfach in Filmen als monumentale Kulisse bewundert.
Also liess ich es mir nicht nehmen, diesem legendären Ort auch noch einen Besuch abzustatten, und über den zugefrorenen See zu wandern. Man sagte uns, dass wir einen guten Moment erwischt hätten; in der Hochsaison im Sommer würden Leute in Scharen aus der ganzen Welt zu diesem märchenhaften Setting strömen; «overtourism» lässt grüssen.

Als passende Lektüre gönne ich mir in Lake Louise die wunderbare Neuerscheinung von Caroline Roger «Unter Gästen» (Limmat Verlag). Allerdings drehen sich die Geschichten in diesen Lokalen nicht um mondäne Weltenbummler, sondern um die ganz normale Tages-Kundschaft in einer mittelgrossen Schweizer Stadt. Die Ich-Erzählerin – wohl ein Alter Ego der Autorin – wächst gleich doppelt im Gastgewerbe auf: Im Parterre führt ihre Mutter ein Bistro primär für Stammgäste-und Laufkundschaft; das französische Restaurant im 1. Stock ist das Reich ihres Vaters. Als Leser:innen halten wir uns eher unten im einfachen mütterlichen Bistro auf, das literarisch auch sehr viel hergibt: in kurzen Kapiteln wandern wir – an der Hand der Berichterstatterin – von Tisch zu Tisch, lernen eigenwillige Kostgänger:innen kennen, schmunzeln über deren Routinen und Bräuche, und kommen in Kontakt mit Büezern und Sekretärinnen, die sich hier wochentags regelmässig ihre Kaffee-Pausen gönnen.

Caroline Roger ist eine genaue Beobachterin, und versteht es hervorragend, unseren Blick auf die grossen und kleinen Schicksale von Mutters Kundschaft zu lenken. Dabei gelingt es ihr gleichzeitig, eine aussterbende Welt zu dokumentieren; die traditionellen günstige Mittagsmenus in dörflichen und kleinstädtischen Beizen sind mittlerweile längst abgelöst worden von den neuen Ernährungssitten: die Geschäftsleute besorgen sich Fast-Food-Menus wie Bento-Boxen und Kebabs, die sich easy auch unterwegs oder im Büro verzehren lassen.
Melancholie durchweht das Buch aber auch deshalb, weil wir spüren: Eine Kindheit «unter Gästen» kann ein Familienleben nicht ersetzen; schon gar nicht, wenn sich die Eltern gleich doppelt diesem «Business» widmen und längst den Draht zueinander verloren haben.

Ein ehrliches, wahrhaftiges und höchst unterhaltsames Debut.