Nachtzug Basel-Amsterdam

Einigermassen ausgeschlafen und gut gelaunt treffen wir nach 11 Stunden Fahrt im Nightjet in der Central Station Amsterdam ein. Als Bettlektüre im Nachtzug habe ich mir ein Kleinod von einem Buch eingepackt: «Hayo» von Markus Bundi. Im Mittelpunkt steht Séraphine, 19-jährig, und sie ist untröstlich: Hayo ist nicht mehr, ihr engster Freund, der sie zeitlebens bedingungslos geliebt und all ihre unberechenbaren Launen und pubertären Entwicklungsschübe tapfer und gelassen ertragen hat. Ein Leben ohne ihn, diesen sanften Freund, scheint nicht denkbar; nur schlafend kann sie für ein paar Stunden dem Elend entfliehen… Erst langsam wird uns klar, um wen die junge Frau hier trauert: um ihren Kater, mit dem sie gemeinsam aufgewachsen ist.

Auch wenn ich selber eher zur Liga der Hundefreundinnen gehöre, hat mich Markus Bundi mit dieser Erzählung sofort erobert: Nur echte Tierliebhaber:innen wissen, wie sich diese bodenlose Verzweiflung anfühlt, wenn unseren treuen Wesen für immer einschlafen; nichts macht mehr Sinn, jeder Winkel in der Wohnung erinnert in seiner Leere an den Verlust….und die Erinnerungen – je schöner und sentimentaler sie sind – klopfen gnadenlos an unsere Seele. Man weiss nicht, wie man das überleben soll … Und doch überwindet auch Séraphine diese Krise, und ihr Aufbruch am Ende der Geschichte ist nicht nur ein Neu-Anfang nach Hayo, sondern ein erster Schritt in die Welt der Selbständigkeit.

PS. Ein Genuss ist auch Bundis dichte und gleichwohl präzise Sprache! Unbedingt lesenswert!

Literaturhinweis: Markus Bundi, «Hayo», Edition Klöpfer, (2026)