Vancouver-Klawock

Vor drei Tagen hat unser Expeditionsschiff Roald Amundsen den Hafen von Vancouver verlassen; über die sogenannte «Inside Passage» fahren wir Richtung Norden, an kleinen Inseln, vernebelten Fjorden, prächtigen Wasserfällen und Wäldern vorbei; auch den ersten Landgang haben wir bereits hinter uns: der Besuch der Siedlung Klawock, die von Angehörigen des indigenen Stammes der Tinglit bewohnt wird. Wir nutzen den Zwischenhalt für eine Wanderung auf den lokalen Hausberg, staunen über die eindrücklichen Baumformationen, orten sogar mutmassliche Hinterlassenschaften eines Bären und geniessen den Ausblick auf den Pazifik.

Als Lektüre begleitet mich wieder auf dem Schiff die ultimative Alaska-Lektüre: «In die Wildnis» von Jon Krakauer. Der bekannte Journalist und Bestsellerautor dokumentiert darin das tragische Schicksal von Christopher Johnson McCandless, Sohn einer wohlhabenden US-Familie, der im April 1992 beschloss, sich alleine durch die Wildnis von Alaska zu schlagen. Vier Monate später stiessen Elch-Jäger – in einem ausgedienten Bus – zufällig auf seine sterblichen Überreste und Tagebuch-Notizen. Vermuteter Tod: Verhungern.

Jon Krakauer erhielt den Auftrag, auf die Schnelle einen fünfseitigen Artikel fürs «Outside»-Magazin zu schreiben. Aber der gescheiterte Abenteurer McCandless liess ihn fortan nicht mehr los: monatelang recherchierte er akribisch die Hintergründe, interviewte Leute, die mit McCandless kurz vor seinem Verschwinden noch im Kontakt waren, und zeichnet nun in seinem Sachbuch – anhand von Tagebuch-Einträgen, Zeugenaussagen und Postkarten-Grüssen – ein sehr differenziertes Bild des 24-Jährigen: Genau das macht die Lektüre so eindrücklich, weil wir unsere eigenen Vorurteile korrigieren müssen: Chris McCandless war nicht einfach ein naiver Abenteurer, der die Grausamkeit der Natur unterschätzt hatte. Vielmehr lernen wir einen sensiblen Mann kennen, der sich auf einer Sinnsuche befand, die nur zu typisch war für das zu Ende gehende 20. Jahrhundert.