
Nach dem arktischen Anchorage landen wir innerhalb von sieben Stunden im tropischen Honolulu. Alaska und Hawaii – ein-und dasselbe Land, aber historisch und klimatisch totale Gegensätze. So scheint es jedenfalls auf den ersten Blick: aber dort wie hier sind wir am Pazifik, und dort wie hier verzaubert uns die atemberaubende Natur. Von unserer Unterkunft in Wailua an der Northshore von Oahu aus machen wir lange Küstenwanderungen, zum Beispiel durch den Kaʻena Point State Park: wir entdecken zwei der am Aussterben bedrohten Mönchsrobben, die es nur auf Hawaii gibt. Auch brütende Albatrosse können wir – aus nötiger Distanz – beobachten; er ist der Vogel mit der grössten Flügelspannweite; deshalb kann er über Monate – ohne Bodenkontakt – in der Luft bleiben.
Die Northshore von Oahu ist nicht nur wegen der Tier-und Pflanzenwelt berühmt; sondern gilt auch als Surfer-Paradies. Der Grund: die starke Brandung des Meeres erzeugt zum Teil meterhohe Wellen.
«Brandung» – so heisst auch der neue Roman der Französin Maylis de Kerangal, (Suhrkamp Verlag). Er beginnt wie ein Krimi: Die Ich–Erzählerin bekommt einen Anruf der Mordkommission von Le Havre; man habe am Strand eine unbekannte Männerleiche gefunden. Die einzige Spur sei ein Zettel in seiner Manteltasche: mit ihrer Telefonnummer. Sie müsse deshalb am nächsten Morgen auf dem Polizeiposten erscheinen.
Die Ich-Erzählerin – von Beruf Synchronsprecherin, verheiratet und zweifache Mutter – ist konsterniert: schon längst hat sie ihre Heimatstadt verlassen; wer soll das Opfer sein? Auch das Treffen mit dem Kommissar bringt keine Klarheit. Und je mehr sie über diese surreale Geschichte nachdenkt, umso mehr zieht ihre Vergangenheit an ihr vorbei; und vor dem Auge der Leserin entfaltet sich nicht nur die Biografie dieser Frau, sondern auch das Schicksal der gebeutelten Hafenstadt Le Havre. Im Original heisst der Roman «Jour de ressac» – Rückspültag. Vieles, längst Verdrängtes wird hochgespült, meldet sich aus dunklen Kammern des Gedächtnisses. Eine faszinierende und zuweilen flirrende und unheimliche Lektüre zwischen gestern und heute, geschrieben in einer präzisen, dichten Sprache.






