
Seit Jahren hat kein Schweizer Autor international derart für Furore gesorgt wie gegenwärtig Nelio Biedermann mit «Lázár»: Da lässt er eine ungarische Adelsfamilie – seinen Vorfahren nicht unähnlich – in die Fänge des 20. Jahrhunderts geraten und am Schluss in der Schweiz einen Neuanfang wagen. Das Echo in den Lesegruppen war mehrheitlich sehr positiv. Bewunderung fand vor allem seine kunstvolle Sprache, sein Gespür für menschliche Abgründe und die Tatsache, dass er dieses Werk im jungen Alter von erst 22 Jahren vorlegte.
Wie beurteilt man unvoreingenommen einen Roman, für den sich noch vor Erscheinen bereits 20 Länder die Übersetzungsrechte gesichert hatten? Ein Werk, das dann in praktisch allen wichtigen Feuilletons besprochen und gelobt und von den unabhängigen Buchhandlungen Deutschlands zum «Buch des Jahres 2025» gekürt worden ist; ein Buch, das es auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises geschafft hat und nun auch noch von namhaften Filmleuten ins Kino gebracht wird.
Kein Wunder gab es in den Lesegruppen vereinzelt Stimmen, die es schwierig fanden, sich vor dem Hintergrund dieses Hypes eine faire, eigene Meinung zur Lektüre zu bilden.
Eine Welt im Niedergang
Mich hat die Geschichte gleich von Anfang an gepackt. Der Grund: Schon rein die Art- und Weise, wie uns Nelio Biedermann barock, verspielt und märchenhaft in diesen Waldschloss-Kosmos entführt, macht klar: Grosse Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Man spürt intuitiv sofort: Die Tage der Habsburg-Donaumonarchie sind genauso gezählt wie jene der Adelsfamilie Lázár. Es ist der grosse Verdienst von Biedermann, dass er es schafft, uns sprachlich und atmosphärisch eine Welt im Verfall zu zeigen; der Putz blättert ab, die Sitten verrohen, Familiengeheimnisse spriessen, es riecht modrig in den Gängen, der Wald droht alles Lebendige zu verschlingen: Imre, der psychisch labile Bruder von Familienoberhaupt Sandor, setzt keinen Fuss in diese Wildnis, weil er von dort Stimmen hört; lieber verzieht er sich in seine Klause am Ende des langen Ganges und verliert sich in den dunklen Erzählungen von E.T.A. Hoffmann. «Spooky» würde man heute neudeutsch diese unheilschwangere Stimmung benennen.
Kuckuckskind beendet Lázár-Dynastie
Da mag Sandor Lázár noch so streng die Tischsitten seiner Kinder überwachen und den Stammhalter Lajos – zur Abhärtung – mit nackten Füssen ums Schloss hetzen: Der Aristokratie bläst zunehmend ein harscher Wind entgegen. Die Ironie des Schicksals: Die Geburt dieses Sohnes mit durchsichtiger Haut beendet eigentlich den Stammbaum der Lázárs, ist Lajos doch das Resultat einer Affäre zwischen Sandors’ Frau Maria und dem Stallburschen. Aber geschickt vermag die Mutter jeglichen Verdacht zu zerstreuen, was ihr persönlich aber kein Glück bringt: Sie geht ins Wasser. Erst jetzt zeigt Sandor erstmals Emotionen; seine Verzweiflung ertränkt er im Alkohol, bis er eines Tages besoffen die Treppe runterstürzt und stirbt.
Schuldgefühle sind omnipräsent
Nelio Biedermann gelingt es vorbildlich, die Verwerfungen der Zeit im Kleinen wie im Grossen über drei Generationen abzubilden. Dabei zieht er in seiner Phantasie alle Register, um uns in diesem verzweifelten Chaos von Exzessen und Schuldgefühlen die Grausamkeit und Dekadenz dieses 20. Jahrhunderts vor Augen zu führen. Die einen Lesenden fanden, dass zuweilen weniger mehr gewesen wäre; andere hielten dagegen, dass der Autor zwingend – im Kontext der Geschichte – auch sexuelle Gewalt, Masslosigkeit, Sittenzerfall und Feigheit thematisieren musste.
Der Verlust der eigenen Identität
Gleichzeitig schafft es der junge Autor, am Beispiel von Ungarns Aristokratie zu zeigen, wie oft sich deren Mitglieder an neue Machthaber anpassen und am Schluss, als nach den Nazis auch noch die Kommunisten kamen, endgültig den Rest von Besitz und Bedeutung hergeben mussten.
Pista, der Sohn von Lajos und im Roman Repräsentant der dritten «Lázár»-Generation, bringt die Situation seiner adligen Vorfahren an einer Stelle auf den Punkt: «Ein Leben lang war sein Vater jemand gewesen, ohne etwas dafür tun zu müssen; ein Leben lang hatten die Menschen zu ihm aufgeschaut, hatten ihn respektiert und bewundert (…) – und dann war er plötzlich ein gebrochener Mann, ein Postbote, ein Niemand (…). Anders als er hatte sein Vater mit der Enteignung nicht nur seine Zukunft, sondern seine ganze Identität verloren.»
Flucht in die Schweiz
Pista und seine Schwester Eva beteiligen sich 1956 am Volksaufstand in Budapest und schaffen dann die Flucht in die Schweiz. Hier – so verriet Nelio Biedermann in einem Interview – holt die Realität die Fiktion wieder ein: Seine eigenen Grosseltern emigrierten damals nach Zürich. Sie waren damals übrigens genau gleich alt, wie ihr Enkel heute: 22-jährig.
Luzia Stettler