
Für Amsterdam hatte ich mir «Mein Bruder Wolf» der flämischen Autorin Lara Taveirne ausgewählt: Wolf war das jüngste von fünf Geschwistern; liebenswürdig, originell, eigenwillig – schon als Kind. Im Alter von 18 Jahren verschwindet er an einem Dezembertag plötzlich spurlos; ohne Vorankündigung ist er abgetaucht. Die Familie sucht ihn monatelang fieberhaft. Erst im Frühling wird ihn dann eine Hunde-Spaziergängerin zufällig in einem Waldstück ganz hoch oben im Norden Schwedens finden; offenbar hat er ganz gezielt seinen Suizid vorbereitet; und die Stationen und Gedanken unterwegs in einem Tagebuch – festgebunden um seinen Bauch – für die Nachwelt aufgezeichnet.
Lara Taveirne recherchiert diese letzte Reise akribisch, zitiert aus Wolfs’ Notizen, holt Erinnerungen hoch und versucht schreibend, den Entschluss des Bruders zu akzeptieren. Ein autofiktionaler Text, verfasst in einer poetischen und dichten Sprache, der einem jungen Mann ein literarisches Denkmal setzt. Man spürt, dass Lara Taveirne allmählich begreift, dass niemand im Umgang mit Wolf versagt hat. Es geht hier nicht um Schuld, sondern um Respekt: Respekt vor der Tatsache, dass letztendlich jeder Mensch über sein Schicksal selber entscheiden darf. Und dass auch ein kurzes Dasein ein erfülltes Leben gewesen sein kann.

In der Buchhandlung in Amsterdam habe ich übrigens zufällig die flämische Originalausgabe gefunden. Dort lautet der Titel einfach „WOLF“.
Und auch sonst machte ich dort ein paar überraschende Entdeckungen …




