Kamloops

Von Lake Louise setzten wir die Reise Richtung Westen nun im Zug fort, genauer gesagt im «Rocky Mountaineer Train». Selbst für eine Schweizerin bot diese Fahrt durch die wilde kanadische Berg-und Seenlandschaft viele Überraschungen. Bequem vom Sessel im Panorama-Wagen aus schweifte mein Blick immer wieder in die unberührte Natur. Rund zwölf Stunden dauerte die Fahrt zu ersten Zwischenstation, dem Städtchen Kamloops in der Provinz British Columbia.

Als Lektüre begleitete mich der neue Roman von Thomas Hettche; der schlichte Titel «Liebe» ist offensichtlich Programm. Denn der Autor versucht, einerseits philosophisch dem tieferen Sinn der Liebe nachzugehen und zitiert dabei auch Hegel und Platon; andererseits präsentiert er uns am Beispiel von Anna und Max ein Paar, das erst mit über sechzig die wirkliche Essenz der ganz grossen Liebe kennenlernt. Ich schätze Thomas Hettche als Schriftsteller sehr und war deshalb neugierig, was er aus diesem etwas abgelutschten Stoff herausholt.

Max und Anna begegnen sich zufällig bei einem Fest von gemeinsamen Bekannten. Max, von Beruf Ocularist – also ein medizinischer Handwerker, der Augenprothesen aus Glas herstellt – spürt sofort, dass er noch nie eine so intensive Anziehungskraft von einer Frau erlebt hat. Anna ergeht es mit Max ähnlich, will aber ihre langjährige Ehe mit einem reichen Juristen nicht aufs Spiel setzen. So beschränken sie den Kontakt vorerst auf schmachtende Whatsapp-Nachrichten; bald schon werden sie – entgegen von Annas Bedenken – heimlich ein Paar. Aber Max muss schmerzhaft begreifen, dass er bei Anna noch lange nicht am Ziel ist…

Wäre Thomas Hettche nicht ein so hervorragender Formulierer, hätte ich «Liebe» wohl nicht fertig gelesen. Aber seine Sätze nehmen gefangen; auch die Art und Weise, wie er die Qualität von Begehren und Zärtlichkeit im fortgeschrittenen Alter in Worte fasst, holt mich immer wieder in die Geschichte zurück. Der Verdacht bleibt aber doch im Hinterkopf stecken: hier hat ein begabter Autor wohl eine eigene Erfahrung oder Beobachtung literarisch verarbeitet und dabei zuweilen die nötige Distanz zu Kitsch und Überfrachtung verloren.