
Unsere Alaska-Reise auf der «Roald Amundsen» nähert sich dem Zielhafen: auf unserem letzten Landgang besuchten wir gestern das Küstendorf Valdez, das in der Nacht vom 24. März 1989 weltweit in die Schlagzeilen geraten war. Der US-Öltanker «Exxon Valdez» war hier vor der Küste im Prinz-William-Sund auf das Bligh-Riff aufgelaufen, weil der alkoholisierte Kapitän vorzeitig die Brücke verlassen und einem ortsunkundigen Matrosen das Steuer übergeben hatte. Dabei gerieten rund 42 Millionen Liter Rohöl in das unberührte Ökosystem. Mindestens 250.000 Seevögel, tausende Seeotter, Seelöwen, Lachse, Wale und andere Meerestiere starben qualvoll. Ich erinnere mich noch gut an die erschreckenden Bilder von elenden Kreaturen, deren Flügel, Flossen und Augen von riesigen Pech-Schichten völlig verklebt waren.
Heute wirkt Valdez seltsam ruhig und verlassen; man fühlt sich fast ein wenig an ein Städtchen in einem Western erinnert. Im lokalen Museum gedenkt eine Ausstellung mit Fotos und Filmausschnitten an die Umweltkatastrophe. Die Kuratorin, die uns kenntnisreich über die jahrzehntelangen Wiederaufbau-Anstrengungen in Valdez informierte, gab auch zu bedenken, dass – trotz modernstem Knowhow und Milliarden von Investitionen – nur etwa 10 Prozent des Öls beseitigt werden konnte, weil sich die Ölreste tief in das Sediment gegraben haben und auch heute noch giftig sind.
Vor diesem schockierenden Hintergrund fällt es mir schwer, auf eine Lektüre überzuleiten. «Tage des Vergessens» von Yvonne Zitzmann – eines meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre – ist neu bei btb als Taschenbuch erschienen. Und passt inhaltlich zum Wunsch, man könnte traumatische Erfahrungen aus der Erinnerung einfach löschen. Ein Professor glaubt, die nötige Pille gefunden zu haben, und rekrutiert sieben unterschiedlich Traumatisierte, die sich als Testpersonen zur Verfügung stellen. Wir begleiten im Roman die Probanden durch die mehrtägige Behandlung und spüren zunehmend, wie das Experiment aus dem Ruder läuft.
Eine toll erzählte Geschichte, die uns auch mit der Frage konfrontiert: Ist ein Leben, in dem ganze Jahrzehnte im Gedächtnis gelöscht werden, wirklich wünschenswert?





