
Für Annett ist ihre Tochter die Verkörperung von Hoffnung und Zukunft. Doch auf einer Tagung erleidet Linn einen Kreislaufzusammenbruch und zieht vorübergehend wieder bei der Mutter auf der nordfriesischen Halbinsel ein. Zwischen den zwei Frauen entstehen Konflikte, die beide so nie erwartet hatten. Ein kluges Buch über Missverständnisse und Vorurteile zwischen Generationen. Und über die Frage: Welche Werthaltungen sind in bedrohten Zeiten die richtigen?
Die Bibliothekarin Annett wird früh Witwe und zieht Linn alleine gross. Sie will für das Mädchen nur das Beste und ist stolz, als die junge Frau nach dem Abitur Umweltwissenschaften studiert und sich aktiv für den Klimaschutz einsetzt. Tüchtig, zielstrebig, und politisch engagiert: Das sind auch für die Mutter Werte, die sie stolz vertritt.
Jobben in der Bäckerei
Als Linn aber nach einigen Wochen Erholungsurlaub zu Hause immer mehr an ihrem eingeschlagenen Weg zu zweifeln beginnt, ist Annett irritiert. Und als Linn schliesslich Wohnung und Job in Berlin kündigt, sich definitiv im ehemaligen Kinderzimmer einnistet und in der Bäckerei im Dorf zu arbeiten beginnt, versteht Annett die Welt nicht mehr: Warum kann sich die junge Frau nicht einfach mal zusammenreissen? Immerhin hat sie als Mutter so viel in die gute Ausbildung der Tochter investiert? Und was denken die Leute, wenn sie Linn hinter der Verkaufstheke arbeiten sehen?
Handel mit Umwelt-Zertifikaten
Linn fühlt sich ausgelaugt und desillusioniert: Sie hat entdeckt, dass die Firma, in der sie tätig ist, u.a. mit Umwelt-Zertifikaten handelt: Unternehmungen, deren Gewerbe massgebend zu Umweltbelastungen und Klima-Schädigung beitragen, können durch den Kauf dieser Papiere ihre Emissionen kompensieren, was als Anreiz zur Reduktion von Schadstoffen dienen soll. Dieses Geschäft steht jedoch zunehmend in der Kritik, da es teilweise an der nötigen Transparenz fehlt und für Aufforstungsprogramme oft auch Menschen aus ihren Wohngebieten gewaltsam vertrieben werden. Kein Wunder beginnt die junge Wissenschaftlerin zu zweifeln, ob sie hier auf eine falsche Bahn geraten ist.
Leistungsideal hinterfragen
Kristine Bilkau urteilt nicht, sondern stellt subtil die unterschiedlichen Werthaltungen einander gegenüber; und schafft es damit, auch uns Leserinnen und Leser einen Spiegel vorzuhalten. Sind die Jungen tatsächlich viel verweichlichter und verwöhnter als noch ihre Eltern? Oder haben sie nicht viel eher den Mut, das Leistungsideal ihrer Vorfahren zu hinterfragen und genauer hinzuhören: Stimmt die Situation, in der ich privat und beruflich stecke, überhaupt noch für mich? Oder wäre ich glücklicher, wenn ich mehr auf meinen Bauch statt auf den Verstand höre?
Ein heilsamer Spiegel
Geschickt verwebt Kristine Bilkau in ihrem Roman verschiedene brisante Themen, spielt raffiniert mit Cliffhangern und regt mit ihrer ruhigen, präzisen Sprache zum Denken an: mir jedenfalls hat sie einen heilsamen Spiegel vorgehalten, weil mir bewusst geworden ist, wie so ganz anders der Blick in die Welt für die heutigen jungen Menschen ist als jener, den wir in den 80er-und 90er-Jahren noch hatten.
Sicher ist mittlerweile vieles im Alltag einfacher geworden; aber gleichzeitig haben Bedrohung und Verunsicherung seit der Jahrtausendwende auch konstant zugenommen. Die Zeiten, in denen man ein Leben lang am selben Arbeitsplatz ausgeharrt hat, sind genauso vorbei, wie der Irrglauben, auf die Zähne zu beissen und zu funktionieren sei eine Tugend, die uns am besten weiterbringt. Vielleicht ist es vorteilhaft für die junge Generation, dass sie Bestehendes kritisch beobachtet, psychische und physische Signale ernst nimmt und keinen falschen Idealen nachrennt. Und das, bevor es endgültig zu spät ist.
Luzia Stettler
Topaktuelles, spannendes Thema: Das Ankommen der GenZ in der Erwachsenenwelt. Die Figuren sind mit spitzem Bleistift gezeichnet, wirken authentisch, und die Sätze fliessen harmonisch. An den leicht singenden Ton – Komma, Komma, Komma, Punkt – musste ich mich gewöhnen, aber er passt zu Stimmung.
Die Geschichte von Annett fliesst und ist rund. Die von Linn leider nicht: Sie stürzt, lebt weiter, irgendwie stark, irgendwie resigniert: Der entscheidende Handlungsstrang versandet wie das untergegangene Rungholt. Nebenschauplätze – die Haftungsfrage, das Bild und seine Restauration – sorgen oberflächlich für Spannung, aber man merkt die Absicht, und man beginnt sich zu langweilen. Ich, zumindest. Auch der entlaufene Schimmel wirkt so bemüht symbolisch, dass er einem leid tut. Ein bisschen.
Ein politisches Buch? fragt uns Luzia. Darüber haben wir in Olten kaum gesprochen. Nein. Die Rollen von Gut und Böse sind klischeehaft verteilt. Annetts zu langer Gedankenmonolog gegen das Ende – Klimaaktivismus, die Verantwortung der Älteren für die junge Generation – wirkt wie aus der Zeitung vorgelesen. Guter Journalismus, unverkennbar mit ideologischer Färbung. Mit Linn hat das, pardon, wenig zu tun.
No Future? Ein Hauch von Optimismus weht durch die Endzeitstimmung. Oder umgekehrt? Wir sind in einer Bubble, und Linn passt nicht recht hinein. Wo bleiben Störenfriede, die nicht nur Komparsen sind?
In einem politischen Buch würden sich Boomer-Väter und Mütter der Generation X auch Fragen stellen, die weh tun. Warum die Arbeitswelt noch so ‘vor-modern’ funktioniert. Was die dauernde Seelenmassage durch apokalyptische Übertreibung – nicht bloss beim Klimawandel – mit jungen Menschen macht. Wer davon profitiert, Probleme zu bewirtschaften, statt sich über Fortschritte zu freuen. Wieso hoffnungsvolle, junge und starke Menschen wie Linn scheitern. Und, vor allem, wie wir ihnen wieder aufs Pferd helfen: Es muss kein Schimmel sein.
Danke, liebe Frau Bilkau, für das packende Thema. Ich habe ihr Buch gern gelesen. Es animiert zum Nach-denken, auch wenn man, wie ich, mit Annetts ‘Bubble’ fremdelt.