Diskussion zum Roman «Spatriati» von Mario Desiati

Mit dem Roman „Spatriati“ hat der gebürtige Apulier Mario Desiati vor drei Jahren den Premio Strega gewonnen: den wichtigsten Literaturpreis Italiens. „Der Autor inszeniert die tausend Komplexitäten einer entwurzelten Generation: seiner“, würdigte ein Kritiker dieses Buch. Und ein andere Stimme meinte: „Ein Roman über Zugehörigkeit und Selbstakzeptanz, über hartnäckige Freundschaften, über eine Generation, die weit nach sich selbst suchte.“ Das Echo in den Lesegruppen war gespalten, was zu anregenden Diskussionen führte.

„Spatriati“ – mit diesem apulischen Dialektausdruck werden jene Menschen in Süditalien bezeichnet, die „anders“ sind als die Masse; Personen, die nicht der Norm entsprechen, – sei es freiwillig oder unfreiwillig. Claudia unterscheidet sich von anderen Kindern im Dorf schon rein durch ihre roten Haare; auch ist sie wild und neugierig und entspricht keineswegs dem Klischee des braven Mädchens. Auch Francesco, ihr Schulkollege, fällt auf; er hat einen sehr dunklen Teint; deshalb nennt ihn seine Mutter „meine schwarze Traube“. Er ist ein ruhiger, eher introvertierter Junge, der Claudia liebt und bewundert.

Die zwei verbindet aber noch etwas anderes als nur die gegenseitige Sympathie: Ihre Eltern – d.h. seine Mutter, eine Krankenschwester und ihr Vater, ein Chirurg  – sind ein Liebespaar; die Affäre dauert schon lange, alle im Dorf wissen davon, aber eigentlich ist es ein Geheimnis. Und darin liegt für mich auch ein Charme dieser Lektüre; wie Mario Desiati seinen apulischen Landsleuten auch liebevoll den Spiegel hinhält; „die italienische Familie – alle spielen sie mit bei dieser Schmierenkomödie aus sinnlosen Ehen; ständig betrügen sie einander, aber am Samstag und am Sonntag tun sie so, als seien sie, was sie nicht sind, nur wegen der Kinder, die wieder davon träumen, so zu sein wie ihre Eltern.“

Unstillbare Sehnsucht

Auf den ersten Blick ist „Spatriati“ ein Coming of age- Roman; wir begleiten Claudia und Francesco von ihren Jugendjahren im apulischen Martina Franca bis in die Mitte des Lebens. Und wie ein roter Faden zieht sich die Sehnsucht von Francesco nach Claudia durch die ganze Geschichte. Sie nutzt die erste Chance nach Schulabschluss, um sich ins Ausland abzusetzen: zuerst lebt sie in London, studiert dann in Mailand und geht wegen eines Jobangebots dann nach Berlin. Sie sieht in Francesco nur den langjährigen Freund und Beinahe-Bruder, hält ihn auf dem Laufenden über ihre übermütigen Erfahrungen und drängt ihn in all ihren vielen Briefen, Mails und Telefonaten, endlich – wie sie – aus der apulischen Enge auszubrechen. Er fühlt sich eigentlich wohl in Martina Franca, hat vereinzelte Affären mit Frauen, aber tief in seinem Innern spürt er, dass sich sein Begehren eigentlich auf Männer richtet. Er arbeitet erfolgreich in der Immoblienbranche; freut sich am touristischen Aufschwung Apuliens, bis eines Tages sich auch die Mafia in dieses Geschäft einmischt, und er keine Lust hat, sich auf diese Machenschaften einzulassen. Also beschliesst er, endlich dem Lockruf Claudias nach Berlin zu folgen; seit Jahren drängt sie ihn, dem engstirnigen und langweiligen Italien den Rücken zu kehren und endlich Europa kennenzulernen.


Berlin – ein Ort, wo es keine Tabus gibt
In Berlin – in dieser Stadt, wo alles möglich ist, keine Tabus mehr gelten und jegliche Lebensstile und sexuellen Präferenzen toleriert werden – kommt Francesco sprichwörtlich auf die Welt: diese Metropole wird zum Symbol eines urbanen Schmelztiegels von Ethnien und Orientierungen, wo alle und niemand Spatriati sind. Vielleicht brauchte der stille Mann aus dem Süden genau diese Ueberdosis an Lebensmustern,  um dann einige Zeit später doch wieder nach Apulien zurückzukehren; in seine Stadt, zu seinen Wurzeln – im Bewusstsein, dass es jetzt eine freie Wahl ist, in Monte Franca zu bleiben.
Auch hat er jetzt begriffen, dass die besondere Beziehung zu Claudia etwas einmaliges ist: eine kostbare Freundschaft fürs Leben, auf die sie sich gegenseitig immer werden verlassen können: „Es war wesentlich subtiler und komplexer als Verliebtsein“, beschreibt er an einer Stelle die Verbindung, „wir waren ein freies, unabhängiges Land und es hatte keinen Namen“.

Sind wir nicht alle Spatriati ?

Mich hat dieser Roman in vielerei Hinsicht gepackt; nicht nur durch die poetische und gleichwohl burleske Sprache; sondern auch im Versuch, der heutigen, gut ausgebildeten Generation von jungen Menschen Italiens eine Stimme zu geben: diesem Drang, der schlechten Arbeitssituation und heuchlerischen katholischen Enge ins Ausland zu entfliehen, um dann vielleicht erst aus der Distanz die Lebensqualität ihrer apulischen Heimat zu entdecken. Dank der Perspektive von Francesco gibt mir dieses Buch die Möglichkeit, den Blick vom Süden nach Norden einzunehmen, fern von jeglichen billigen Italien-Klischees.
Gleichzeitig hat die Geschichte auch etwas Universelles: Sind wir nicht alle auf diesem Weg ins Erwachsenenalter zeitweise „Spatriati“, fühlen uns unverstanden, irren umher auf der Suche nach einem unbekannten Ziel, beruflich, privat. Gerade die scheinbar „befreiten“ Zeiten, in denen es kaum noch etablierte Werte und Wege gibt für die eigene Orientierung, können auch rasch zu Ueberforderung führen. Claudia, so meine Vermutung, ist am Ende der Geschichte noch nicht bei sich „angekommen“; Francesco hingegen schon.  

Luzia Stettler

Mehr zum Roman «Spatriati»: Im Interview mit Autor Mario Desiati – https://buchmensch.ch/digitale-lesezirkel/literarische-begegnungen/

3 Kommentare

  1. Dieser Roman hat mich seltsam berührt. Ich habe mich zweitweise beim Lesen genervt, weniger über den Inhalt, mehr über mich selbst, dass ich diese Unruhe, diese ewige Suche nicht mehr verstehe, mich nicht mehr damit auseinandersetze. Ich war etwas ratlos und war sehr dankbar über Luzias Fragen, die mir etwas geholfen haben zum Verständnis.
    Das Interview mit dem Autor und Barbara’s Recherche haben aus mir fast einen Fan gemacht von Spatriati.

  2. Vielen herzlichen Dank Luzia und Barbara für eure Aufarbeiten zum Buch Spatriati. Mir hat das Buch nicht eigentlich nicht gefallen, auch nicht gefallen, ich war vielleicht etwas ratlos mit der Geschichte und ihren Protagonist:innen. Einzelne Abschnitte, die Kapitel mit den Worterklärungen bspw. Ruinenlust sowie einige poetische Absätze wie bspw. S. 204 mit dem weiss tünchen, haben mir sehr gut gefallen – Und jetzt mit der umfangreichen und fundierten Recherche von Barbara und dem Interview mit den klugen Fragen von dir Luzia und den aufschlussreichen Antworten von Mario Desiati bekam ich einen neuen und interessanten Blick auf das Buch.

  3. Mir hat das Buch sehr gut gefallen und die Handlung „packte“ mich von Anfang an und der gewählte Stil der Erzählung beeindruckte mich. Auch die Beschreibungen der Gegend (die ich persönlich kenne), aber auch die inneren und äusseren Kämpfe, welche die beiden Hauptpersonen und ihr Umfeld bestreiten, waren für mich ein Leseerlebnis. Wenn man – wie ich – ebenfalls in einem Dorf aufgewachsen ist, dieses verlassen hat und von „aussen“ rein blickt, kennt man dieses Gefühl der Zerrissenheit zwischen Tradition (dableiben) und Entdeckerdrang (weggehen) gut.
    Ebenfalls bekannt ist mir die Verlogenheit und Scheinheiligkeit, welche zwar überall vorkommen, aber in kleinen Dörfern ganz andere Folgen haben, als in einer grossen Stadt. Desiati beschreibt auch das sehr eindrücklich.
    Man kann vielleicht denken, dass Claudia und Francesco es in Berlin übertreiben und ausarten. Ich denke, es hat aber damit zu tun, dass all die aufgestauten Gefühle, Unsicherheiten und auch Wut irgendwann raus müssen. Dass sich die beiden aber auch dort fremd fühlen, ist der inneren Zerrissenheit zwischen Selbstbestimmung und Traditionen geschuldet.

    Für mich ein rundum gelungenes Buch und ein Volltreffer !
    Jean-Claude Virchaux

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