
Jede Generation versucht sich jeweils wieder von der vorangegangenen abzugrenzen; und so wechseln sich Rollenbilder und Ideologie-Szenarien immer mal wieder ab: Alte Normen werden hervorgeholt; emanzipatorische Errungenschaften verlieren temporär an Attraktivität. Im Roman «Heimat» stellt die deutsche Autorin Hannah Lühmann das Phänomen der «Tradwifes» in den Mittelpunkt: Dieses aus den USA importierte Retro-Hausfrauen-Ideal wird von konservativen Müttern in den sozialen Medien zelebriert und stellt der komplexen Gegenwart ein gestriges Heile-Welt-Bild entgegen. «Heimat» – ein Roman der für Emotionen sorgte – und in den Lesezirkeln kontroverse Diskussionen auslöste.
Als ich «Heimat» zum ersten Mal las, hat mich die Protagonistin Jana richtig genervt: Eine gestandene Berufsfrau, Ende dreissig, wird ungewollt schwanger, mit dem dritten Kind, und beschliesst, hinter dem Rücken ihres Mannes, kurzerhand den Job in einer Werbeagentur an den Nagel zu hängen und sich voll auf die Familie zu konzentrieren. Ist doch ihr gutes Recht, kann man sagen; allerdings ist der Moment dieser überraschenden Kündigung denkbar ungünstig: Die Familie ist soeben aufs Land gezogen, in ihr erstes Eigenheim. Kein Wunder reagiert Partner Noah sehr wütend: Wie soll er allein mit seinem Lehrer-Gehalt die anstehenden Kosten für Haus und Familienzuwachs je stemmen können?
Wenig reflektiert
Überhaupt scheint Jana wenig reflektiert und selbstbewusst; sie verbringt viele Stunden liegend auf dem Sofa, trinkt fürs Leben gerne Kaffee und ist froh, gibt es eine Kita, die ihr die Kinder temporär abnimmt. Aber vielleicht ist sie vom ständigen Spagat zwischen Familie und Beruf auch einfach nur grenzenlos erschöpft.
Die charismatische Karolin
Da kommt ihr der Kontakt zur Nachbarin Karolin wie gerufen: Diese Mutter von fünf Kindern weibelt in den sozialen Medien für die Sache der «Tradwifes»; das ist eine Community, die sich ganz am ultrakonservativen Rollenbild orientiert: Die Frau ist die Untertanin ihres Mannes, lehnt ausserhäusliche Berufsarbeit ab und verteufelt Fremdbetreuung. Stattdessen wird auf Instagram von früh bis spät vor der Kamera gekocht und gebacken; die Kinder bei Spiel und Sport im Wald gezeigt; Abhärtung gehört zum Erziehungs-Prinzip; daneben werden die tüchtigen Mütter auch beim Besuch im Senioren-Heim gefilmt, wo sie beiläufig noch Flyers gegen eine geplante Asylunterkunft verteilen; ideologisch bilden die Tradwifes eine unheilige Allianz mit AfD und Freikirchen – ständig unter dem Motto «Wir tragen Sorge zu unserer Heimat».
Noah will Trennung
Jana, frustriert, einsam und überfordert, gerät immer mehr in die Fänge dieser simplen Verlockungen und findet ihrerseits in diesen Kreisen so etwas wie eine «Heimat», zumal ihr Mann ihr mittlerweile erklärt hat, dass er sie verlassen will, und der Traum vom Eigenheim im Grünen somit eh schon wieder ausgeträumt ist.
Während wohl die meisten Leserinnen und Leser allmählich erahnen, dass Karolin und ihr Mann Clemens diese «Heile Welt» nur inszenieren, um damit Geld zu machen, braucht Jana etwas länger, bis auch ihr Zweifel an der Authentizität dieser «Tradwifes» kommen. Leben Karolin und Clemens tatsächlich diese Idylle, oder herrscht da im Hintergrund eine ganz andere Realität? Warum taucht Karolin immer mal wieder unter, trägt blaue Flecken und warnt ihre weiblichen Fans vor Gewalt in der Ehe?
Eine Art Thriller
Für mich ist genau dies die Stärke des Romans «Heimat»: Dass es der Autorin Hanna Lühmann gelingt, aus diesem Stoff eine Art Thriller zu bauen, der uns selber immer mehr misstrauisch werden lässt; die bruchstückhaften Informationen sind widersprüchlich und unheimlich und legen die Verlogenheit dieser Sekte bloss; umso mehr staunen wir, wie naiv Jana – trotz eigenen Warnblinkern – diesen Manipulationen auf den Leim geht.
Ratlosigkeit am Ende
In den Gruppen teilten sich die Meinungen: Die einen begrüssten, dass Hannah Lühmann vieles nur andeutet und somit Raum lässt für eigene Interpretationen; andere wünschten sich mehr Ausführung und Tiefgang, um sich klarer ein Bild der Figuren und deren Handlungsmotive zu machen. Sie sahen in der Lektüre weder wichtige Aufklärung noch spannende Unterhaltung, sondern fühlten sich gelangweilt oder sogar genervt.
Das Ende ist überraschend und hinterlässt bei vielen Ratlosigkeit; was aber – so schien es mir – alle aus «Heimat» gelernt haben: Diese Ideologie der Tradwifes verkauft kein neues, der komplexen Zeit entsprechendes Lebensmodell sondern knüpft gefährlich an Nazi-Theorien der 1930er-Jahre an und befriedigt das Bedürfnis nach simplen Antworten.
Luzia Stettler