Anchorage

Die vielen kunstvollen Graffitis an den grauen Häuserfassaden sind das erste, was mir in Anchorage auffällt: Sie geben dieser sonst eher unscheinbare Stadt einen ganz eigenwilligen Charme. Schon auf der anderthalbstündigen Fahrt vom Hafen im Dorf Whittier, wo wir von Bord der «Roald Amundsen» gegangen sind, warnt uns der Buschauffeur, wir sollten in Alaskas Hauptstadt keine Wolkenkratzer erwarten; die seien nämlich von der Regierung verboten worden, damit die schöne Aussicht auf die Schneeberge ringsum nicht verdeckt würden. Und tatsächlich kann man in jeder Richtung die weissen Gebirgsketten am Horizont deutlich erkennen.

Um Anchorage und die Umgebung zu erkunden, mieten wir uns ein Tandem (für mich ein Novum), und staunen, wie auf diesem Küstenweg Wildnis und Zivilisation nahtlos ineinander übergehen. Zweimal kreuzen uns Elch-Kühe, die seelenruhig ihren Vortritt in Anspruch nehmen. Bären soll es hier – in unmittelbarer Stadtnähe – auch noch etliche geben. Ist das der Grund, warum man sie hier so oft in Restaurants oder Schaufenstern in ausgestopfter Form antrifft?

Weil ich in Alaska mehr über Bären erfahren wollte, hatte ich in meinen Bücherkoffer auch den neuen Roman von Michael Hugentobler eingepackt: «Bis die Bären tanzen». Aber bis zur zweitletzten Seite bleibt mir dieser Titel ein Rätsel: Wo bleibt der Bär?

Ansonsten wimmelt es von eigenartigen Kreaturen, dramatischen Vorfällen, düsteren Geheimnissen und enttäuschten Lieben. Als Fabulierer läuft Hugentobler zu Hochform auf. Im Mittelpunkt stehen vier Geschwister: Belle, Elfie, Cob und Anne, die früh Reissaus nehmen; nach Australien, Brasilien und Nazideutschland; nur Elfie bleibt zu Hause und sammelt die familiäre Post aus aller Welt. Sie behält die Übersicht, während es mir beim Lesen zunehmend schwer fällt, in dieser Fülle von Biografien und Schauplätzen nicht den Faden zu verlieren. «Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe», heisst es treffend zum Inhalt. Und dann endlich auf S. 349 kommt der Bär. Mit ausgestreckter Tatze bittet er Belle zum Tanz:«Sie kreisen und kreisen und kreisen, in der Stille». Erstaunlich, wo es doch in Australien – anders als in Alaska – gar keine wilden Bären gibt …