Diskussion zum Roman «Die Hummerfrauen» von Beatrix Gerstberger

Cover: Die Hummerfrauen von Beatrix Gerstberger

Ann, Julie und Mina fahren bei jedem Wetter auf Hummerfang: Drei Generationen von Fischerinnen, die das Leben schon arg durchgeschüttelt hat. Und da ist auch noch der charmante Mr. Darcy: Ein seltener blauer Hummer, den Ann als Haustier adoptiert hat. «Die Hummerfrauen» – ein packendes Sommerbuch, das einen unmittelbar an die Küste von Maine versetzt und die Gischt des Meeres ins Gesicht spritzt.

Wie so oft entscheidet der Zufall, warum ich diesen und nicht jenen Roman in die Hand nehme und zu lesen beginne. Bei den «Hummerfrauen» war es der Name der Autorin, der mir sofort im Vorschau-Katalog des dtv-Verlags ins Auge stach: Beatrix Gerstberger.

Das ist doch die Autorin, die vor über zwanzig Jahren ein Sachbuch über junge Witwen geschrieben hatte, dachte ich mir; selbst an den Titel erinnerte ich mich noch: «Keine Zeit zum Abschiednehmen». Ich hatte damals, bei Erscheinen, mit der «Brigitte»-Redaktorin an der Frankfurter Buchmesse ein längeres Interview für eine Radiosendung zum Thema aufgezeichnet.

Tod des Ehemannes

Beatrix Gerstberger war selber sehr jung Witwe geworden, als ihr Mann, ein «Stern»-Reporter in Kosovo – gemeinsam mit dem Fotografen und dem Übersetzer – von Scharfschützen erschossen worden war. Und jetzt folgte also – 23 Jahre später – mit «Die Hummerfrauen» ihr literarisches Debut. Ein Erstling, der sich innert Wochen zu DEM «Sommerbuch-Bestseller 2025» im deutschsprachigen Raum entwickelte.

Kein Wunder also, dass ich den Roman noch vor Erscheinen als PDF las: Mich begeisterten die atmosphärischen Schilderungen von Wasser und Landschaft. Und ich liebte Details wie den blauen Hummer Darcy. Vielleicht erkannte ich unmittelbar bei der Lektüre, dass sich in der Geschichte auch das persönliche Schicksal der Autorin spiegelte.

Alles «Überlebende»

Denn auch die «Hummerfrauen» – Ann, Anfang siebzig, Julie, Mitte fünfzig, und Mina, Ende zwanzig – verband die Tatsache, dass sie alle ein Trauma zu verarbeiten hatten: Ann war von ihrer grossen Liebe Karoline verlassen worden; Julie hatte nur knapp einen schweren Autounfall überlebt, dessen körperlichen und seelischen Wunden nie ganz verheilten; und Mina war nach Maine geflüchtet, weil sie irgendwie über den rätselhaften Tod (oder Suizid? ) ihres Bruders Christopher hinwegkommen musste.
Drei versehrte Seelen, die – wie es im Roman wortwörtlich heisst – «eine Überlebende erkannte, wenn sie eine traf.»

Zeitsprünge

Die Solidarität dieser drei Hummerfischerinnen-Generationen war denn auch für viele Leserinnen und Leser in den Zirkeln eines der Highlights im Roman; auch die atmosphärische Schilderung von Maine gefiel in den Diskussionen. Einzelne wünschten sich mehr Straffung in der Handlung; andere zeigten etwas Mühe, – angesichts der vielen Personen und regelmässigen Zeitsprüngen – nicht den Faden zu verlieren.

Rätsel um den toten Seemann

Raffiniert hatte Beatrix Gerstberger ein Geheimnis in die Handlung eingebunden, das in den Zirkeln viel zu reden gab: Was war damals, in den frühen achtziger Jahren, auf dem Meer geschehen, als der junge Christopher ohne seinen Freund Jack ans Ufer zurückkehrte, aber dessen rotes T-Shirt dabei hatte? War Jack ertrunken, weil man in Seemanns-Familien oft absichtlich nicht schwimmen lernte, um beim Kentern schneller sterben zu können? Warum hatte Christophers’ Mutter Judith aber dann sofort angeordnet, dass man über dieses tragische Ereignis fortan innerhalb und ausserhalb der Familie nie mehr ein Wort verlieren würde? War diese Tabuisierung vielleicht sogar der Grund, warum Christopher Jahrzehnte später ebenfalls den Tod wählte?
Eine klare Antwort fanden wir in den Zirkeln nicht.

Fortsetzung mit «Hummerjahre»

Aber nun verriet uns Beatrix Gerstberger bei ihrem Besuch unserer Buchclub-Community, dass sie das Rätsel um das rote T-Shirt im nächsten Roman «Hummerjahre» lüften werde. Das Buch erscheint am 20.8.2026. Wir dürfen also gespannt sein!

Luzia Stettler

2 Kommentare

  1. Ich bin, ihr habt es bemerkt, ein kritischer Leser: Auch in dieser Hummersuppe liessen sich mit gutem Willen ein paar Haare finden, aber es ist ein Roman, wie ich ihn geschrieben haben möchte. Darum: Bestnote!
    Mich beeindruckt die humanistische Weltschau, die der Text von der ersten bis zur letzten Seite zelebriert: ‘Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches, denk’ ich, ist mir fremd’ (Terenz). Gerstbergers Figuren sind präzise gezeichnet, nie klischiert. Menschen, die leben. Einzel-stücke, komplex, manchmal auch kompliziert. Auch Nebenfiguren wie die spitzzüngige Linda sind nicht bloss Statisten. Ihre Traumata werden sensibel geschildert und nie ideologisch beschlagnahmt: Wir sehen Täterinnen, keine Opfer. Die Siebzigjährige als Aktmodell! Selbstermächtigung pur. Der liberale Geist weht ohne idealistische Allüren durch das traditionsbewusste Stone Harbor: Selbstbestimmung, Selbstverantwortung im Wettstreit mit sozialem und familiärem Druck.
    Trotz weiblichen Hauptpersonen riecht der Text nicht nach der Feminist Bubble. Männer sind ebenso präsent und nicht weniger sperrig charmant als Julie und Ann. Da verweben sich Episoden und Geschichtchen, verzwirnen und lösen sich wieder. Die Beziehung zwischen Mina und Sam mit seinem abweisenden Bindungsstil wird durch die Rose perfekt versinnbildlicht: Sehnsucht nach Liebe und Nähe, die, wird sie erfüllt, sticht und bluten lässt. Das Leben geht weiter. Wie der Hummer Mister Darcy lässt es sich zähmen, aber wird kein Schmusetier. Traurig? Das Unvollkommene und Banale berührt aus dem Hinterhalt.
    Diese unaufgeregte Emotionalität vermittelt ein präzise beobachtender Sprachstil mit anschaulichen, nicht überladenen Bildern: Sätze, die sitzen. Auch Rückblende und Zeit der Haupthandlung sind stimmig und gut nachvollziehbar ineinander verwoben, einge-bettet zwischen dem Jetzt von Prolog und Epilog, Tod und Neuanfang. Fast hätte ich es vergessen: Wir lernen ein unbekanntes Stück USA kennen, fernab von Trump, Silicon Valley und Hollywood. Danke, Beatrix Gerstberger!
    Mein subjektiver Nachsatz: Ein Folgeband zu den ‘Hummerfrauen’? Serien sind Mode, und den Verlegern gefällt es. Frau Gerstberger: Ich kann gut nachfühlen, wie schwer ihnen der Abschied von Julie, Mina, Sam und allen anderen gefallen ist. Ein guter Roman zeichnet sich dadurch aus, dass wir Lesenden vor dem Ende nervös die restlichen Seiten zählen und ahnen, dass Vieles offenbleibt. Mit oder ohne Nachschlag: Die Figuren sind Ihre Kinder und leben weiter. Hundertfach, Tausendfach. In den Köpfen aller, die sie liebgewonnen haben. Ich hätte sie ziehen lassen. Zwei Buchdeckel sind und bleiben ein begrenzter Raum.

  2. Spannend, berührend und humorvoll, von der ersten bis zur letzten Seite. Die Dorf- und Inselbewohner*innen sind mir ans Herz gewachsen. Die Figuren sind feinfühlig gezeichnet.
    Band 2 Hummerjahre habe ich vorbestellt, kann es kaum erwarten bis es 20. August ist. (Erscheinungsdatum der Hummerjahre).

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