
Hannah Häffner hat mir ihrem literarischen Debut «Die Riesinnen» (Penguin) gleich nach Erscheinen für Furore gesorgt: Am Beispiel von drei Generationen – Mutter Tochter und Enkelin – erzählt sie hier von Fluch und Segen von Heimat und Verwurzelung, – und zeigt gleichzeitig am Beispiel dieser Frauen, wie sich die Chancen für weibliche Selbstverwirklichung innerhalb von 70 Jahren radikal verändert haben.
Schon lange nicht mehr hat mich eine Familiengeschichte derart in Bann gezogen. Und Vielen in den Lesezirkel-Gruppen ist es offenbar ähnlich ergangen. Selten war man sich im Lob so einig wie bei den «Riesinnen». Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Liese, Cora und Eva – drei hochgewachsene Frauen im Schwarzwald. Als typische Aussenseiterinnen müssen sie dem Schicksal immer wieder die Stirn bieten; und sie wahren ihre Unabhängigkeit, weil sie sich selber treu bleiben.
Lähmendes Schweigen
Liese hat mit dem mürrischen Metzger Bernhard nicht die grosse Liebe geheiratet; für romantische Gefühle gibt es in diesem Dorf keinen Platz; sie muss froh sein, hat sie bei der beschränken Auswahl an Kandidaten überhaupt einen rechtschaffenen Mann gefunden. Von Anfang an lastet das lähmende Schweigen schwer auf dieser Beziehung: «Wenn ihr nur etwas einfallen würde, das sie erzählen kann, aber da ist nichts. Nichts, was ihn interessieren könnte. Nichts, was ihn etwas angeht.» Als Bernhard verunfallt, schämt sie sich fast, dass sein Tod sie nicht gross erschüttert; tapfer fordert sie bei den Schwiegereltern ihr Erbe ein und übernimmt als Quereinsteigerin die Metzgerei.
Die Rebellin Cora
Gross Raum, von einem anderen Leben zu träumen, bleibt ihr nicht. Ihre Tochter Cora ist eher die Rebellin und will möglichst bald raus aus der dörflichen Enge. Nach dem Abitur lernt sie die Welt kennen, lebt in Paris und Amsterdam und stillt ihren Hunger nach Abwechslung und Freiheit. Wohl etwas naiv und gedankenlos. Ungewollt wird sie schwanger, wer genau der Vater ist, kann sie nicht festmachen. Frustriert kehrt die junge Frau nach Wittenmoos zurück: «Das Haus ist unverändert, was hat Cora auch erwartet. Nichts ist anders, die Gefühle von früher stehen knietief in den Strassen, nicht eine Kränkung ist versickert.»
Ungestillte Sehnsucht
In den Lesezirkeln waren viele überrascht, dass Cora nicht mutiger war, sich ein Leben mit Kind auch anderswo zu verwirklichen. Sie scheint sich selber darüber zu wundern, dass sie doch wieder im Schwarzwald gelandet ist – für immer: «Manchmal stellt sie sich vor, ihre Sachen zu packen und sich auf den Weg nach London zu machen, aber es sind Träume von etwas, das hätte sein können, nicht von etwas, auf das man noch hofft. Es gibt einen Unterschied zwischen Mut und Dummheit, und sie ist klug genug, ihn zu kennen.»
Es ist diese bildstarke Sprache, eigenwillig und poetisch, die den Roman zum Ereignis macht. Erst Eva, Coras’ uneheliche Tochter, wird endlich – über Umwege – ihren Frieden mit der Heimat schliessen: «Zu Hause kann sich ändern, daheim bleibt.»
Luzia Stettler
Die Biographien der Protagonistinnen von 1960 bis in die Gegenwart, angesiedelt im tiefsten Schwarzwald, haben mich berührt. Gefallen hat mir, wie die Autorin authentisch das Leben der drei Generationen beschreibt. Liese hat Energie und Lebensmut und nimmt viele Entbehrungen für dieses Leben auf sich. Sie geht an ihre Grenzen. So ein Leben zu führen, ist in der heutigen Zeit für mich undenkbar. Cora hätte studieren können. Sie hat soziale Kompetenzen und kann ein Team führen. Wie die drei Frauen ihr Leben gemeinsam meistern, finde ich grossartig und – wie die Autorin sagte – hoffnungsvoll und erwärmend in diesen Zeiten.
Der Roman läuft und läuft und läuft wie der legendäre VW. Das machtvolle Präsens hat Suchtpotential: Fünfundfünfzig lange Jahre bleiben wir im Hier und Jetzt, als hätte die Autorin den Content zahlloser ver-steckter Kameras und Überwachungsdrohnen in Szenen geschnipselt, mal in Slowmotion ausgeschmückt, mal im Zeitraffer durchgespult, mal in den Papierkorb verschoben. Dabei beobachten wir auch Banales oder verpassen beim nächsten Zeithüpfer einen Plot Twist. Dürfen Fehlendes selbst zusammenreimen und immer wieder nachrechnen, welches Datum auf dem Kalen-der steht.
Der Schwarzwald – es könnte auch das Emmental sein – symbolisiert eine Abgeschiedenheit, die eher im Kopf der Eingeborenen existiert als real räumlich. Heimat, die man nicht wählen kann: Sie ist einfach da. Liese, Generation Silent, wird gemobbt und muss sich den Zwängen und Konventionen der Dorfgemeinsachaft beugen. Ihr bleiben nur kleine Fluchten. Bis sie am Ende doch dazugehört.
Dann Cora, knapp noch Boomerin: Die phänomenale Schilderung ihres Lebenshungers ist ein Highlight. Absturz auf Ansage. Vor dem vernichtenden Aufprall wird sie zurückgeholt nach Wittenmoos: Heimat wie ein Gummiband am Fussgelenk, schützender Hafen voller Sachzwänge und mental gepacktem Koffer.
Erst Eva, frühe Millennial, bekommt die Chance zur Freiheit, von der Mutter und Grossmutter nur träumen durften. Warum tut sie sich nach unbeschwerten Kindheits- und Teenyjahren plötzlich so schwer mit Bindungen? Hier beginnt der legendäre Käfermotor zu husten.
Johannes und die elitären Schührs: Romeo und Julia in Stuttgart. Statt kämpferisch die Zähne zu blecken wie eine echte Riessberger Riesin der Nullerjahre, verzwergt Eva sich selbst. Wo bleibt der Stolz auf das KMU-Milieu ihrer Herkunft, das vorher authentisch positiv und packend geschildert wurde? Klassengesellschaft, aus der Zeit gefallen. Versöhnlicher ausgedrückt: Sehr deutsch.
Der Verdacht, das geniale Buch sei im letzten Drittel zu ausgeklügelt auf der Suche nach dem passenden Ende, hat sich beim Leser festgesetzt und geht nicht mehr weg. Franz. Die Urgrosseltern. Die kuschelige Geborgenheit im Generationenhaus. Die Rückkehr in den Wald als Forstingenieurin: Ein Touch Sozialromantik zuviel.
Obschon ich süss-saure offene Enden mag, lege ich die Riesinnen etwas verstimmt zurück ins Regal. Es liegt an mir. Ich habe Eva zu sehr ins Herz geschlossen und hätte ihr Besseres gewünscht als eine ungeplante Schwangerschaft mit einem zufälligen Mann. Mehr Selbstvertrauen. Heimat als sichere Basis für den Aufbruch ins moderne Zeitalter, statt sich immer und immer wiederholende Geschichte.
Frau Häffner ist eine angenehme Interviewpartnerin. Herzlich und doch sehr kontrolliert: Ein überraschender Kontrast zur schnörkellosen Direktheit im Text.
Ein ausgezeichnetes Buch. Wüst und wild? Unsinn!