
Hatten sie eine Wahl? Hätten sie viel entschiedener und viel früher Nein sagen sollen und ausbrechen müssen, um der Gewalt ihrer Ehemänner zu entkommen? Und wie viel weiter sind wir heute in Bezug auf patriarchale Unterdrückung – in Zeiten, wo sich Bildungschancen und Lebensperspektiven für Frauen markant verbessert haben? Es sind Fragen, die in den Lesezirkeln zum Buch «Grossmütter» der schweizerisch-kamerunischen Autorin Melara Mvogdobo im Raum standen. Und dann waren da noch Lob und Anerkennung dafür, dass auf so wenigen Buchseiten zwei Frauenleben erzählt werden, dicht und bildreich, ohne Larmoyanz und Anklage.
Melara Mvogdobos Buch hat mich angesprochen, weil ich gerne stricke und Grossmutter bin. Der Buchumschlag machte mich neugierig, zwei Profile, zwei Frauen, die in verschiedene Richtungen schauen; die eine im gestrickten Pullover, die andere im Oberteil aus afrikanischen Textilien. Später las ich, dass die Autorin, Melara Mvogdobo, den Umschlag selbst gestaltet hat. Sie wuchs in Luzern auf als Kind einer Luzerner Mutter und eines kamerunischen Vaters. Und der Umschlag war ein Statement.
Gewalt und Unterdrückung
In dem Buch geht es nämlich um zwei Grossmütter, die in ganz unterschiedlichen Welten leben und die doch viel gemeinsam haben. Die eine stammt aus einer armen Luzerner Bauernfamilie, die andere aus einer wohlhabenden Familie in Kamerun. Als junge Frauen haben sie Träume. Vor allem die Frau aus Kamerun wünscht sich, Ärztin zu werden. Sie besitzt das Baccaulauréat und es ist eine grosse Enttäuschung, dass ihr geliebter Vater ihr den Berufswunsch abschlägt und ihr eröffnet, dass sie nichts weiter ist als ein kostbares Pfand, das der Familie mit der Heirat viel Geld («dot») einbringen wird. Die Luzernerin weiss von klein auf, dass Mädchen aus ihrem Milieu keine Bildung zusteht. Sie wird – unaufgeklärt und verführt von einem Knecht, der ihr «schöne Augen» macht – zur Ausgestossenen und wird zwangsverheiratet. Ihr Mann erweist sich als Grobian, der sie sexuell ausbeutet, schlägt und sie schuften lässt bis zum Umfallen.
Widerstand
Beide Frauen zeigen sich auf ihre Art widerständig. Die Kamerunerin verweigert bei der Heirat – auf Rat ihrer Mutter – die Polygamie, was ihr den lebenslangen Hass ihres Ehemannes zuzieht. Sie beginnt heimlich als Krankenschwester zu arbeiten und als dies auffliegt und sie von ihrem Mann geschlagen wird, spricht sie den «Penisfluch» über ihn aus. Ausserdem schickt sie ihre zwei älteren Töchter in die Schweiz, zu ihrem Halbbruder, um ihnen ein glücklicheres Leben und Bildung zu ermöglichen. Die Schweizerin sucht sich Nischen, wo sie Freude und Glück empfindet, im Erdbeergarten, beim Jodeln und im Kirchenchor.
Die Enkelinnen
Irgendwann im Leben der Frauen tauchen die Enkelinnen auf, selbstbewusst und gebildet. Sie stellen Fragen zu den Traumatas und Verletzungen der Grossmütter, überfordern die Grossmütter auch in ihrer unverblümten selbstbewussten Attitude. Sie sind nicht nur jung und frech, sondern versuchen, die Grossmütter zu befreien. Das geschieht schliesslich auf eine drastische Weise. Beide Grossmütter bringen im Alter ihre Ehemänner um.
Zu spät?
Das Lebensglück, die triumphierende Befreiung aus dem Korsett der Gewalt, kann mit diesen Taten jedoch nicht heraufbeschworen werden. Die Kamerunerin z.B. resümiert am Ende: Die Enkelin «ist davon überzeugt, dass ich jetzt glücklich sein muss. Der Tyrann ist weg. Jetzt kannst du endlich glücklich und frei leben. Pflegt sie zu sagen. Weiss sie denn nicht, dass man Glücklichsein lernen muss? So wie eine Sprache.»
Kraftvolle, präzise Sprache
«Grossmütter» ist ein schmales Buch mit grosser Sprengkraft, die auch in die heutige Zeit wirkt. Die namenlosen Grossmütter erzählen ihre Geschichte abwechselnd und in Monologen. Sie begegnen einander nie, stammen aus ganz unterschiedlichen Kulturen und sozialen Milieus – und teilen doch ein ähnliches Schicksal.
Der Roman besticht durch seine knappe, präzise und immer wieder fast lyrische, gedichtähnliche Sprache. Die Autorin Melara Mvogdobe stand damit auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises 2025.
Yvonne Volken