Diskussion zum Roman «Zeit ihres Lebens» von Dirk Gieselmann

Cover: Zeit ihres Lebens von Dirk Gieselmann

Die Liebe adelt jedes Leben. Auch jenes von Frieda und Georg, zwei Menschen, die sie nicht gesucht haben, aber von ihr gefunden wurden. An einem regnerischen Morgen, als alles irgenwie schief läuft, begegnen sie sich zufällig an einer Bushaltestelle und spüren sofort: Wir gehören zusammen. «Zeit ihres Lebens» werden sie sich fortan die Treue halten, obwohl beide in ihrem eigenen Lebensentwurf verharren. Eine melancholisch-poetische Geschichte einer heimlichen Liebe, die in den Lesezirkeln dankbaren Diskussionsstoff lieferte.

«Zeit ihres Lebens» war mir zufällig in die Hände geraten: Eines Tages lag das Buch plötzlich in meinem Briefkasten; der Verlag hatte es mir unaufgefordert zugesandt. Neugierig begann ich den Anfang zu lesen. Und die Geschichte zog mich sofort in den Bann: Da ist die alleinstehende Lehrerin Frieda, Ende dreissig, und der verheiratete Handelsreisende Georg. Als sich ihre Wege schicksalshaft kreuzen, erleben sie eine «Amour fou». Aber erstaunlicherweise ist es Single-Frau Frieda, die ultimativ fordert: Niemand darf von unserer grossen Liebe erfahren. Fortan werden sie in jedem Quartal nur drei, vier Tage miteinander verbringen: Immer dann, wenn Georg, der Vertreter von medizinischen Apparaten, in der Heimatstadt von Frieda die Ärzte besucht.

Warum eine heimliche Liebe?

In den Gruppen diskutierten wir angeregt, warum ausgerechnet Frieda auf eine Liebe im Versteckten beharrte; eigentlich hätte sie, die in ihrem Umfeld mit erst 39 Jahren bereits das Image einer alten «Jumpfer» trug, keinen Grund gehabt, ihre Liebe zur Georg zu verheimlichen.
Vielleicht – so vermuteten die einen – wollte sie, als Lehrerin, nicht plötzlich als Verführerin angesehen werden, die einer Familie den Vater und Ehemann wegnimmt. Immerhin geht der Beginn dieser Beziehung auf die frühen achtziger Jahre zurück, als Geliebte von verheirateten Männern sehr rasch als Verführerinnen abgestempelt wurden, die egoistisch ein Familienglück zerstören.

Der schwache Georg

Andere Teilnehmende in den Lesezirkeln mutmassten, dass Frieda von Anfang an Georg als schwachen Menschen erkannt hatte und wohl ahnte, dass ihre Liebe – wenn überhaupt – nur im Verborgenen auf Dauer eine Chance haben würde.
Und das Leben wird ihre Vermutung bestätigen: Über vierzig Jahre sollte ihre Beziehung dauern; wobei sich nach Georgs Pensionierung die Kontakte primär nur noch auf Telefongespräche und WhatsaApp-Nachrichten beschränkten; wie sollte er nun zu Hause begründen, warum er regelmässig ein paar Tage wegfuhr …

Eine dichte, schöne Sprache

Dirk Gieselmann schafft es, aus dieser besonderen Beziehungs-Konstellation einen packenden Roman zu gestalten: wir begleiten Frieda und Georg einzeln in ihrem individuellen Alltag, lernen ihr Umfeld kennen und erleben ihr kurzbemessenes gemeinsame Glück. Auch wenn man eigentlich diese Handlung von «Zeit ihres Lebens» in ein paar Sätzen zusammenfassen könnte, war es erstaunlich, wie angeregt und vielschichtig diese Geschichte in den einzelnen Gruppen zu reden gab. Einig waren sich praktisch alle, dass es primär an der dichten, poetischen Sprache und dem psychologischen Gespür von Dirk Gieselmann liegt, warum man dieses Buch gebannt bis zum Schluss liest.

Angst vor dem Scheitern

Der Autor versteht es hervorragend, zwischen den Zeilen die Abgründe aufblitzen zu lassen, die der Alltag dieser beiden beinhaltet. Vor allem Georg scheint ein Ersatz-Leben zu führen: Obwohl er eigentlich ganz andere Vorstellungen von einem erfüllten Dasein hätte, fehlt ihm die Kraft, auszubrechen etwas zu ändern.  Zu Hause als Familienvater fühlt er sich genauso fremd wie unterwegs als Vertreter; seine Ehefrau Anne, die ihren Mann nur übers Wochenende erlebt, hat sich auf ihrer Suche nach einem kleinen bisschen Glück längst anderweitig orientiert. So drängt sich beim Lesen auch radikal die Frage auf: Wie leicht geraten wir in eine Biografie, die uns eigentlich überhaupt nicht entspricht. Ausbrechen braucht Mut; und das Risiko, noch mehr zu scheitern macht Angst.
Auch darüber denkt dieses Buch auf intelligente Weise nach: Wie leicht richten wir es uns in der Komfortzone ein und merken vielleicht zu spät, dass wir die Weichen viel früher hätten umstellen müssen. Denn «die Zeit unseres Lebens» ist kostbar – und kann nicht an andere delegiert werden.

Luzia Stettler

2 Kommentare

  1. Sitzt, passt und hat Luft: Den Grundsatz der Mechanik beherrscht Dirk Geiselmann aus dem Effeff. Ein Uhrmacher des Story Telling, kein abgehobener Literat.
    ‘Das Buch der Liebe mag lang, schwer und manch-mal etwas fade sein, doch nicht für die, die darin vor-kommen.’ Welch schöner Satz, trotz einem ‘die, die’. Er fasst perfekt zusammen, was es über ‘Zeit ihres Lebens’ zu sagen gibt.
    Vom ersten bis zum letzten Satz: Alles aus einem Guss. Sprache als plätschernder Fluss, dem man einfach folgt und zuhört. Keine ungestüme Aare, kein majestätischer Rhein: Die Glâne. Ein wenig bekannter Wasserlauf, dessen versteckte Stromschnellen, Schluchten und Sandbänke man nicht sucht, sondern findet.
    Bildersprache und Metaphern, die passen: Einfühl-sam, respektvoll und gewürzt mit Humor und Situati-onskomik. Geiselmann zieht Tonlage und Melodie so konsequent durch, dass sie zum Ohrwurm wird. Man wartet auf den nächsten Refrain und summt mit. Wird süchtig nach dem unbeholfen menschlich allzu menschlichen Charakter der Figuren. Stellt sich den rauchenden Dackel vor und lacht…
    Tränen der Rührung.
    Der Crush 1983 unter dem strömenden Regen, der Paukenschlag zur Ouvertüre eines Adagio und Andan-te, ist an den Haaren herbeigezogen. Kitschig. Wen kümmert’s? Frieda und Georg bewegen. Sind stark, da voller Schwächen. Eine Parabel der liebenswerten Durchschnittlichkeit und verzeihlichen Fehlbarkeit: Man schwankt hin und her zwischen Bedauern und Beneiden. Bis die feinfühlig beschriebene Demenz das Ende einläutet. 2023.
    1984. 1985. 1986… Alle drei Monate eine Ver-schnaufpause statt ein Happy End. C’est la vie.
    Vintage. Der Zeitgeist hat Ferien. Uhrmacher sind Könner: Sie bemühen weder Kulturpessimismus noch Mahnfinger, um ihre Leserinnen und Leser zu fesseln.

  2. Für mich ist diese Lektüre eine Parabel oder eine symbolische Erzählung mit offener Aussage. Melancholisch und traurig.
    Ich habe mich gefragt, wie können Menschen so leben, ohne Hoffnung auf ein erfülltes und glückliches Dasein.
    Der versöhnliche Schluss hat mich berührt.
    Ich frage mich, was der Autor uns mit diesem Roman vermitteln möchte. Auseinandersetzung mit dem Hier und Jetzt, wie vergänglich unser Dasein ist, wie wir unsere Chancen zu einem reichem Dasein erarbeiten sollten?
    Das Buch ist keine klassische Liebesgeschichte wie ich zu Beginn dachte. Die beiden Hauptfiguren spielen ihren Part in ihren Welten. Sie sind so präzis gezeichnet, dass ich sie mir gut vorstellen kann, wie sie aussehen, gehen, was sie denken, wo sie leben.
    Für mich eine Lektüre, die mir viel Stoff zum Nachdenken über den Sinn des Lebens gibt.

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